Krankhafte Essstörungen werden immer häufiger diagnostiziert

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden an Essstörungen. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) haben hierzulande bei den Erwachsenen 1,5 Prozent der Frauen und 0,5 Prozent der Männer im Alter von 18 bis 79 Jahren mit Magersucht, Bulimie oder der sogenannten Binge-Eating-Störung zu tun. Das hört sich zunächst nach nicht so vielen Betroffenen an. Doch Gesundheitsorganisationen weisen zunehmend darauf hin, dass die Diagnose „Essstörung“ immer öfter vorkommt. So berichtet etwa das Gesundheitswissenschaftliche Institut Nordost (GeWINO) der AOK Nordost von einem deutlichen Anstieg der Essstörungsdiagnosen bei den 6- bis 54-jährigen AOK-Versicherten. Demnach wurde im Jahr 2010 im Nordosten Deutschlands bei rund 3.500 Versicherten eine Essstörung wie Bulimie, Anorexie oder Binge-Eating festgestellt. Bis 2016 hatte sich die Zahl dieser Patienten bereits auf mehr als 6.100 Versicherte erhöht. Damit nahmen diese Diagnosen in der dortigen Region innerhalb von sechs Jahren um 74 Prozent zu. In dem Zusammenhang weist die GeWINO bewusst darauf hin, dass die Dunkelziffern vermutlich um einiges höher ausfallen dürften. Denn es können nur die Personen erfasst werden, die vom Arzt eine entsprechende Diagnose gestellt bekommen.

Auch nach den Erkenntnissen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) steigt die Zahl der an Essstörungen Erkrankten. Um nichts anderes als ernst zu nehmende psychosomatische Erkrankungen, die mit massiven Störungen des Essverhaltens einhergehen, handelt es sich bei Magersucht, Bulimie (auch Ess-Brechsucht genannt) oder der Binge-Eating-Störung, die durch unkontrollierte Essattacken gekennzeichnet ist. Als besonders problematisch schätzen die Experten dabei ein, dass Magersucht und Bulimie inzwischen zu den häufigsten chronischen Krankheiten im Kindes- und Jugendalter zählen. So soll Schätzungen zufolge jeder fünfte Jugendliche gefährdet sein, an einer solchen schweren Essstörung zu erkranken. Laut BZgA kommt Magersucht im Alter von 15 Jahren und Bulimie im Alter von 18 Jahren am häufigsten vor. In der Altersgruppe der 13- bis 18-Jährigen leiden demnach rund 4 Prozent der Mädchen und 1,6 Prozent der Jungen unter Essstörungen. Bei Mädchen nimmt das Risiko für eine Essstörung während der Pubertät zu, bei Jungen dagegen ab. Aber wie schon gesagt: Grundsätzlich ist jeder fünfte Jugendliche gefährdet!

Soweit die Zahlen. Wie äußert sich nun eine krankhafte Essstörung? Wie die Fachleute betonen, deutet ein auffälliges Essverhalten noch nicht gleich auf eine Essstörung hin oder muss sich zu einer solchen entwickeln. Wenn jemand mehr oder weniger isst als sonst oder mehr oder weniger als andere, muss dies nicht immer einer Essstörung geschuldet sein. Denn hinter einer solchen Diagnose steckt in der Regel weit mehr als lediglich Probleme mit dem Essen: Vielmehr haben krankhafte Essstörungen meist psychische Komponenten. Das Essen bzw. Hungern soll bei der Lösung tiefer liegender seelischer Probleme helfen bzw. Ausweg, Flucht oder Ersatz für verdrängte Gefühle und Bedürfnisse sein. Essstörungen können jedoch auch die Äußerung von stummem Protest oder Ablehnung darstellen.

Der Übergang von auffälligen zu krankhaften Essgewohnheiten sei fließend, warnen die Experten. Und nur allzu oft werden demnach die entsprechenden Symptome nicht erkannt bzw. richtig gedeutet. Problematisch dabei ist, dass Essstörungen ernsthafte und langfristige gesundheitliche Schäden nach sich ziehen können. Zudem gehen Essstörungen oft einher mit anderen psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen, wie Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen. Viele Essstörungspatienten zeigen auch selbstverletzende Verhaltensweisen und geben – speziell bei Bulimie – häufig Suizidgedanken an oder unternehmen Suizidversuche.

Zentraler Punkt einer Essstörung ist laut BZgA die ständige gedankliche und emotionale Beschäftigung mit dem Thema Essen. Dabei wird allerdings Essen, das zu den genussvollsten und fundamental lebenserhaltenden Tätigkeiten des Menschen zählt, von den Kranken als Zwang, Kontrollverlust oder Suchtverhalten erfahren. Darum können sie Essen auch nicht als befriedigend, beglückend oder annehmlich bzw. verbindendes soziales Ereignis wahrnehmen. Stattdessen bedeutet Essen allgemein und insbesondere Essen in Gesellschaft für Essstörungspatienten Stress. Sie meiden daher immer öfter Einladungen und Verabredungen, was eine sukzessive Vereinsamung zur Folge haben kann.

Essstörungen äußern sich bei der Magersucht und der Bulimie in deutlichem Gewichtsverlust, während beim Binge-Eating Fettleibigkeit häufig die Konsequenz der „Fressattacken“ ist. Eine Essstörung kann in den beiden erstgenannten Fällen auch Ausdruck eines Körperbildes sein, das sich zu unkritisch an Vorbildern aus Mode, Film und Werbung orientiert. Das führt dann dazu, dass sich nahezu die Hälfte der normalgewichtigen 11- bis 17-jährigen Mädchen als zu dick wahrnimmt, wie Studien ergeben. Diese übertriebenen Schlankheitsideale sollten deshalb dringend hinterfragt werden, fordern Experten.

Um welche der drei Hauptformen von Essstörungen es sich auch handelt, Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating-Störung, die Fachleute sehen die entscheidenden Kriterien einer solchen Erkrankung dann erfüllt, „wenn sich das Hungern oder Fressanfälle mit oder ohne anschließendem Erbrechen verselbstständigen, wenn man nicht mehr in der Lage ist, diesen Kreislauf aus eigener Kraft zu stoppen und sich das ganze Leben nur noch um die Nahrungsaufnahme dreht“.

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