Landleben macht dick

Fettleibigkeit ist auf dem Land verbreiteter als in der Stadt.

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Der Anteil der Übergewichtigen an der Weltbevölkerung steigt seit Jahren kontinuierlich an. Rund 30 Prozent der Menschen sind heute zu dick. Von 1980 bis 2015 hat sich der Anteil der Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 25 in mehr als 70 Ländern verdoppelt. Da sich die Gewichtszunahme weitgehend im Gleichschritt mit der weltweiten Urbanisierung vollzog, ging die Fachwelt lange Zeit davon aus, dass das Stadtleben treibender Faktor für die ungesunde Entwicklung ist. Doch eine neue Studie belegt nun das Gegenteil: Der Anteil Übergewichtiger steigt in ländlichen Regionen stärker an als in der Stadt.

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler vom Imperial College London auf Daten von weltweit rund 1.000 Forschern zurückgegriffen, in denen 112 Millionen Erwachsene aus 200 Ländern erfasst sind. Dabei setzten die Forscher einen anderen Fokus als sonst üblich: Es wurde differenziert zwischen Stadt- und Landbewohnern. Aus den Daten ging hervor, dass der BMI (= Körpergewicht dividiert durch das Quadrat der Körpergröße) im Zeitraum von 1985 bis 2017 generell bei Frauen im Durchschnitt um 2,0 kg/m2 und bei Männern um 2,2 kg/m2 zulegte. Das heißt im Klartext: Im Durchschnitt hat jeder Erdenbürger in diesem Zeitraum um fünf bis sechs Kilogramm zugenommen. Zugleich verschob sich der Anteil der Stadtbewohner im gleichen Zeitraum von 41 auf 55 Prozent.

BMI-Zuwachs auf dem Land

Eine detaillierte Analyse der Daten ergab, dass mehr als die Hälfte des BMI-Zuwachses auf das Konto der Landbevölkerung ging. In manchen Ländern – vor allem in denjenigen mit niedrigen oder mittleren Durchschnittseinkommen – kamen Männer und Frauen vom Lande sogar für 80 Prozent des BMI-Zuwachses auf. Im Durchschnitt wuchs der BMI auf dem Lande bei Männern ebenso wie bei Frauen um 2,1 kg/m2 an. Die männlichen Stadtbewohner legten dagegen nur um 1,6 kg/ m2, zu, die weiblichen sogar nur um 1,3 kg/ m2.

Im Laufe der 33 Jahre des Studienzeitraums gab es eine frappierende Umkehr der Verhältnisse: Noch 1985 hatten in drei Viertel der Länder die Stadtbewohner einen höheren BMI als die Landbewohner.

„Die Ergebnisse unserer groß angelegten Studie werfen die allgemein vertretene Annahme, dass das Anwachsen der Stadtbevölkerung ursächlich für das globale Wachstum der Übergewichtigkeit ist, über den Haufen“, sagt der leitende Studienautor, Prof. Majid Ezzati, vom Imperial College London. „Wir müssen neu darüber nachdenken, wie wir das globale Gesundheitsproblem angehen.“

Bisher wurde allgemein angenommen, dass die Städter zunehmen, da sie leichteren Zugang zu stark verarbeiteten Nahrungsmitteln mit höherem Fett- und Zuckergehalt haben. Zugleich arbeiteten sie weniger körperlich und bewegten sich allgemein weniger. Die Landbevölkerung dagegen ernährt sich der These zufolge mehr von unverarbeiteten Lebensmitteln und damit gesünder. Sie bewegt sich demzufolge auch mehr, da sie ihren Lebensunterhalt zumindest in Entwicklungs- und Schwellenländern noch stark mit körperlicher Arbeit verdienen muss. Dies mag noch zu Beginn des Erhebungszeitraums der Studie so gegolten haben, als die Städter noch im Durchschnitt dicker als die Landbewohner waren.

Gutes Ernährungsangebot in der Stadt

Doch mittlerweile ist das Stadtleben besser als sein Ruf, meint Prof. Ezzati. Die Diskussion um die Gesundheitsprobleme der Menschheit fokussierten sich demnach häufig auf die negativen Aspekte des Stadtlebens. „Doch das Stadtleben bietet eine Menge Möglichkeiten, sich besser zu ernähren, sich zu bewegen und zu erholen, allgemein zu einem besseren Gesundheitszustand zu kommen. Diese Möglichkeiten sind auf dem Land oft nicht gegeben“, sagt der Forscher.

In ländlichen Regionen mit niedrigen und mittleren Einkommen habe es eine Verschiebung hin zu höheren Einkommen, einer besseren Infrastruktur, einer Mechanisierung der Landwirtschaft und zu einer stärkeren Nutzung von Autos gegeben. Dies bringe zwar zahlreiche gesundheitliche Vorteile, führe allerdings auch zu einem geringeren Kalorienverbrauch und höheren Ausgaben für möglicherweise stark verarbeitete Nahrungsmittel mit geringer Qualität, so der Wissenschaftler. Gesunde Lebensmittel seien auf dem Land meist in geringerem Ausmaß und nur zu höheren Preisen verfügbar.

All diese Faktoren tragen laut Prof. Ezzati zu einem schnelleren Wachstum des BMI bei der Landbevölkerung bei. „Bei wachsendem Wohlstand verändert sich die Herausforderung für die Menschen in ländlichen Regionen von der Beschaffung von Nahrung in ausreichender Menge dahin, sich qualitativ hochwertige Nahrung leisten zu können“, stellt der Wissenschaftler fest. Hier muss laut Studie die Gesundheitspolitik künftig ansetzen. Der finanzielle und physische Zugang zu gesunder Ernährung im ländlichen Raum müsse verbessert werden.

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