Modetrend Plus Size

Relativierung der Fettleibigkeit?

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iStock.com/Staras

Kurvige Figuren liegen im Trend. Immer mehr Modelabels bringen Plus-Size-Kollektionen für Menschen mit üppigeren Figuren jenseits der Konfektionsgröße 42 auf den Markt. Das Plus-Size-Model Tess Holliday hat es vor wenigen Monaten mit einem Körpergewicht von 136 kg auf das Cover der britischen Ausgabe der Frauenzeitschrift Cosmopolitan geschafft. Während die abnehmende Stigmatisierung Übergewichtiger sicherlich einen gesellschaftlichen Fortschritt darstellt, birgt dieser Trend zur „Body Positivity" jedoch auch gesundheitliche Risiken, warnt die Soziologin Raya Muttarak. Das Bewusstsein, übergewichtig zu sein, sinke bei den Betroffenen und zementiere so das Übergewicht mit allen einhergehenden gesundheitlichen Risiken. Doch stimmt diese These wirklich?

3,9 Mrd. Euro Umsatz wurden 2017 im Handel mit Damenoberbekleidung ab Konfektionsgröße 46 gemacht. Laut einer Umfrage der Fachzeitschrift „TextilWirtschaft“ unter Entscheidern der Branche erwarten 20 Prozent der Befragten 2019 und 2020 stark steigende Umsätze für ihr eigenes Geschäft in diesem Segment und rund 50 Prozent zumindest leicht steigende Umsätze. Bekannte und zugkräftige Namen wie der Modeschöpfer und TV-Star Guido Maria Kretschmer steigen mit eigenen Kollektionen ins Geschäft ein. Seine Kollektion heißt „Curvy Collection". Was zuvor negativ behaftet war, wird jetzt positiv umgedeutet. „Mode für kurvige Frauen sollte nichts kaschieren, sondern die Kurven rasant in Szene setzen", bewirbt Kretschmer seine Modelinie.

Mode für „kurvige Frauen“

Und das positive „Framing" scheint zu wirken. In einer aktuellen repräsentativen Online-Umfrage der Frauenzeitschrift „Brigitte“ mit dem Umfrageinstitut YouGov Deutschland stimmten immerhin 52 Prozent der Befragten der Aussage zu: „Je mehr kurvige Frauen ich in den Medien sehe, desto wohler fühle ich mich in meinem eigenen Körper."

Die britische Soziologin Raya Muttarak von der britischen University of East Anglia hat in einer Studie objektiv belegen können, dass übergewichtige Menschen ihre Pfunde tatsächlich zunehmend für normal halten und dadurch weniger bereit sind, abzunehmen. Über einen Zeitraum von 18 Jahren wurden für die Studie 23.460 übergewichtige (Body Mass Index über 25) oder adipöse (BMI über 30) Personen zu ihrer Selbsteinschätzung befragt: Halten sie ihr Gewicht für zu hoch, gerade richtig oder zu niedrig?

Das Ergebnis: 1997 hatten 24,5 Prozent der befragten Frauen ihr Gewicht unterschätzt, 2015 waren es bereits 30,6 Prozent. Die Männer unterliegen jedoch einer noch viel stärkeren Selbsttäuschung. Schon 1997 hielten sich 48,4 Prozent von ihnen für schlanker als sie es tatsächlich waren. Bis 2015 ist der Anteil nochmals auf 57,9 Prozent angestiegen. Und diejenigen, die ihr Gewicht unterschätzten, bemühten sich auch entsprechend seltener, ihr Übergewicht zu reduzieren.

„Body Positivity“

Studienautorin Muttarak sieht einen direkten Zusammenhang zwischen ihren Befunden und dem Trend zu Body Positivity: „Diese Bewegung trägt sicherlich dazu bei, die Stigmatisierung übergewichtiger Menschen zu reduzieren. Auf der anderen Seite führt sie aber möglicherweise dazu, dass die Betroffenen gar nicht mehr erkennen, dass sie übergewichtig sind und sich damit gesundheitlichen Risiken aussetzen." Der Zusammenhang zwischen Body Positivity und Übergewicht war allerdings gar nicht explizit Gegenstand ihrer Studie.

Und so ist Muttaraks These auch nicht unwidersprochen geblieben. In einer Replik schreibt die US-amerikanische Psychologin Tiffany Stewart von der Louisiana State University: „Die Annahme, das Anerkennen des eigenen Übergewichts sei die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich bemühen abzunehmen, ist nicht korrekt.“ Entgegen der Intuition gehe die Selbsteinschätzung als übergewichtig erwiesenermaßen mit einem hohen Risiko einher, noch mehr zuzunehmen. Bei Menschen, denen ihr Übergewicht bewusst gemacht werde, führe das Stigma und der einhergehende Stress zur Neigung, eher zuzunehmen. Im Klartext: Das Bewusstsein des eigenen Übergewichts führt zu Frustessen und somit zu weiterer Gewichtszunahme.

Tatsache ist jedenfalls, dass in allen Industrieländern die Anzahl der Übergewichtigen ständig steigt. In Deutschland legte die Zahl der übergewichtigen und adipösen Frauen im Zeitraum 2005 bis 2017 von 41,5 auf 43,1 Prozent zu. Bei den Männern war eine Steigerung von 57,9 auf 62,1 Prozent zu verzeichnen. Die Gesundheitsrisiken des Übergewichts sind durch umfangreiche Forschung belegt. So verdoppelt sich bereits bei einem BMI zwischen 25 und 30 das Risiko, an Diabetes zu erkranken, einen Schlaganfall zu erleiden oder eine Herz-Kreislauf-Krankheit zu bekommen.

Die Diskussion um die Plus-Size-Mode zeigt jedenfalls wieder einmal, wie schwierig es ist, diesem Trend entgegenzuwirken. Ernährung und Körper sind hochemotionale Themen und zwischen dem Wunsch, seine „Kurven rasant in Szene zu setzen“ und der Neigung, angesichts überschüssiger Pfunde in Frust und Depression zu verfallen, ist es schwer, den gesunden Mittelweg zu finden.

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